Ich weiß gerade nicht, wer ich bin
Hier war es lange still. Nicht, weil nichts war – sondern weil es zu viel war.
Der erste Jahrestag. Das erste wirkliche Weihnachten ohne dich. Wieder ein Jahreswechsel. Und jedes dieser Daten hat mich mehr getroffen, als ich es erwartet hatte. Ich dachte, ich wäre vorbereitet. Man weiß ja, dass sie kommen. Man sieht sie im Kalender stehen. Man redet sich ein, man hätte inzwischen gelernt zu atmen in dieser neuen Realität.
Aber wenn der Tag dann da ist, hilft kein Wissen.
Diese Tage, die alles wieder aufreißen
Der erste Jahrestag war kein einzelner Tag. Er war ein ganzes Wiedererleben. Die Bilder. Die Stunden. Die Ohnmacht.
Weihnachten war laut. Voll. Und gleichzeitig unfassbar leer. Überall Lichter. Und in mir dieses Ziehen, dieses Wissen: Du fehlst. Nicht nur am Tisch. Du fehlst in allem.
Und dann dieser Jahreswechsel. Dieses gesellschaftliche „Neuanfang“-Gefühl. Während ich innerlich dachte: Ich wollte dieses neue Jahr nie ohne dich beginnen.
Wer bin ich ohne meinen Mann?
Mit dem neuen Jahr kam eine Frage, die ich lange weggeschoben habe: Wer bin ich eigentlich – ohne meinen Mann?
Ich war so viele Jahre Teil eines Wir. Wir haben Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wir haben uns ergänzt. Wir haben uns getragen. Manchmal auch genervt. Aber immer zusammen.
Ich war deine Frau. Und das war kein Anhängsel. Das war Identität. Zuhause. Selbstverständlichkeit.
Und jetzt? Jetzt bin ich einfach „ich“. Aber dieses Ich fühlt sich fremd an.
Unser ungewolltes neues Leben
Unser neues Leben – dieses Leben, das wir uns nie ausgesucht haben – fühlt sich immer noch an wie ein Kleid, das nicht richtig passt. Ich trage es jeden Tag. Ich funktioniere darin. Aber es sitzt nicht. Es gehört nicht zu mir.
Es gibt gute Tage. Wirklich gute. Tage, an denen wir lachen. An denen die Kinder streiten, spielen, Quatsch machen – ganz normal. Tage, an denen ich denke: Vielleicht schaffen wir das.
Und dann kommen diese anderen Tage. Tage, an denen mich die Trauer von hinten überrollt. An denen ich im Auto sitze und plötzlich weine. An denen ich abends erschöpft ins Bett falle und merke, wie sehr ich dich bräuchte. Nicht als Erinnerung. Sondern real. Hier. Jetzt.
Drei Kinder, die begleitet werden müssen. Drei verschiedene Arten zu trauern. Und mittendrin ich – mit meiner eigenen.
Gefühle, die zurückkehren
In den letzten Wochen kamen Gefühle zurück, von denen ich überzeugt war, ich hätte sie längst durchlebt. Diese rohe Wut. Dieses „Warum wir?“. Diese Zweifel an allem. An mir. An meiner Kraft. An meiner Zukunft.
Ich dachte wirklich, ich wäre weiter. Aber Trauer kennt kein „weiter“. Sie kennt nur Wellen. Und manchmal sind sie wieder genauso hoch wie am Anfang.
Und vielleicht kommt das alles gerade deshalb zurück, weil ich anfange zu suchen. Nach mir.
Zwischen Vermissen und Weiterleben
Was hat die Liebe mit mir gemacht? Was hat dein Tod mit mir gemacht? Was hat dieses Überleben aus mir geformt?
Ich merke, dass ich nicht mehr die bin, die ich vor deinem Tod war. Aber ich bin auch nicht mehr die, die ich ganz am Anfang der Trauer war. Etwas hat sich verschoben. In meinen Gedanken. In meinen Prioritäten. In meiner Tiefe.
Ich weiß noch nicht, wer ich ohne dich bin. Ich weiß nur, dass ich es gerade herausfinde. Zwischen Jahrestagen. Zwischen Kinderlachen und Tränen. Zwischen Liebe, die nicht endet – und einem Leben, das trotzdem weitergeht.
Vielleicht ist genau das der schmerzhafteste Teil: Dass beides gleichzeitig existiert.
Ich vermisse dich. Und ich lebe. Und manchmal weiß ich nicht, wie ich beides in mir aushalten soll.

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