Weiter ohne dich

Trauerblog einer alleinerziehenden Witwe – unser Weg mit drei Kindern nach dem Verlust

Funktionieren nach außen – Sturm im Inneren

Kennst du das? Wenn alle um dich herum denken, du bist stark, weil du funktionierst? Weil der Alltag läuft, die Kinder versorgt sind, Termine eingehalten werden – und keiner sieht, was es dich kostet? Es wirkt, als hättest du alles im Griff, als hätte sich die Trauer still in eine Ecke zurückgezogen. Aber in Wahrheit tobt in dir ein Sturm.Bei dir durfte ich alles sein. Ich durfte weinen, schreien, fluchen, zusammenbrechen. Ich durfte still sein und wieder heil werden – und du warst da, hast mich gehalten, egal in welchem Zustand. Jetzt fehlt dieser Ort. Dieser sichere Hafen, an dem ich nicht erklären musste, warum ich gerade so bin, wie ich bin. Es fehlt jemand, der spürt, wann ich Freiraum brauche und wann ich einfach nur gehalten werden will.

Mein geheimer Anker in der Nacht

Also bin ich leise. Leise stark für die Kinder, weil sie meinen Halt brauchen. Leise verständnisvoll für die Menschen, die nicht wissen, was sie sagen sollen. Leise geduldig für die, die glauben, Zeit allein heilt alles. Aber wo bleibe ich? Wo ist der Raum für all das, was zu groß ist, um es zu tragen? Für die Wut, die mich manchmal überrollt? Für die Müdigkeit, die sich tief in die Knochen setzt? Für die Sehnsucht, die jede Faser meines Körpers kennt?Manchmal möchte ich schreien. Laut. So laut, dass es das Schweigen zerreißt. Ich möchte Türen knallen, aufstampfen, mich fallen lassen und nicht wieder aufstehen. Aber ich tue es nicht – nicht, weil diese Gefühle falsch wären, sondern weil ich gerade nicht weiß, wohin damit. Weil ich weiß: Wenn ich falle, müssen andere mitfallen. Und das will ich nicht.Nachts, wenn alles still ist, spreche ich mit dir. Ich weine in die Dunkelheit, manchmal auch in die Sterne. Ich fluche, weil es so verdammt unfair ist. Ich erinnere mich an dein Lachen und lache leise mit, obwohl es schmerzt. Diese stillen Momente sind mein Anker. Mein geheimer Ort, an dem ich nicht funktionieren muss, sondern einfach nur fühlen darf.

Leise stark für die Kinder – still für mich selbst

Irgendwann werde ich wieder Worte finden. Irgendwann werde ich erklären können, was in mir los ist und warum ich so leise bin. Aber noch nicht. Noch halte ich diese Stille aus. Noch vertraue ich darauf, dass meine Stärke nicht in Lautstärke gemessen wird, sondern darin, trotz allem weiterzugehen.Leise stark – das ist gerade meine Art, nicht unterzugehen.

Posted in

Ein Kommentar zu „Leise stark – Wenn die Trauer keine Worte findet“

  1. Avatar von gedankenmusik

    Liebe Sissy,
    ein wunderschöner Text! ich kann jede Zeile so gut nachvollziehen…
    Leise Grüße
    Heike

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Weiter ohne dich

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen